Michel Lamoller | Berührte Natur
Über die Ausstellung
Michel Lamoller | Die berührte Natur
Mit der Ausstellung „Die berührte Natur“ präsentiert die Samuelis Baumgarte Galerie eine neue Werkphase von Michel Lamoller, in der Natur nicht länger als ferne Landschaft erscheint, sondern als Kontaktzone – als etwas, das berührt wurde und zugleich berührt. Der Ausstellungstitel beschreibt dabei mehr als einen ökologischen Zustand: Er formuliert eine Haltung des Sehens.
Lamollers Arbeiten führen vor Augen, dass Natur heute niemals unberührt ist. Sie ist gezeichnet, überformt, verändert. Und gerade in dieser Berührung – im Eingriff, in der Spur, in der Metamorphose – entfaltet sich eine fragile, eigentümliche Schönheit.
Vom fotografischen Bild zum reliefartigen Bildkörper
Ausgangspunkt seiner Werke ist die Fotografie, genauer: eine zeitgenössische Form der lens-based photography. Reale, dokumentarische Oberflächen der Welt werden zunächst optisch erfasst und fixiert. Doch Lamoller bleibt nicht beim Abbild. Er verfremdet, schichtet, überlagert, bis reliefartige Bildkörper entstehen.
Fotografie wird zur Materie. Oberfläche verwandelt sich in Schichtung, in Verdichtung, in Spur. Das Bild wird nicht Fenster, sondern Körper. Natur erscheint nicht als „an sich“ gegebene Landschaft, sondern als durch Geschichte hindurchgegangene Oberfläche – als Sediment des Anthropozäns.
Bereits Arbeiten wie Anthropogenic Mass 2 (2021) oder Anthropogenic Mass 4 (2022) wirken wie tektonische Platten einer berührten Welt. Fotografische Fragmente verdichten sich, reißen auf, lagern sich übereinander. Die Bildhaut wird zum Relief, als hätte sich die Erde selbst eingeschrieben.
Natur im Zeitalter des Anthropozäns
In Anthropogenic Mass 6 (Japan) (2022) erscheint die Erdoberfläche kartografiert und zugleich entrückt. Spuren von Infrastruktur, Kultivierung und Industrie werden sichtbar – nicht spektakulär zerstörerisch, sondern tiefgreifend transformierend.
Spätere Arbeiten wie Anthropogenic Mass 12 (2024) oder Anthropogenic Mass 22 (2025) entwickeln diese Technik weiter. Jede Schicht bewahrt Erinnerung an das Vorherige, jede Überlagerung ist Abdruck von Zeit. Das fotografische Bild wird zur Topografie.
Lamoller verschiebt damit die Tradition der Fotografie in den Raum einer expanded und sculptural photography. Das Bild ist nicht mehr Träger von Sichtbarkeit allein, sondern ein körperhaftes Objekt – eine Bühne, auf der Oberfläche, Raum und Erinnerung plastisch erfahrbar werden.
Tradition und Gegenwart im Dialog
In dieser Materialität berührt Lamoller künstlerische Grenzverschiebungen der Moderne und Gegenwart – man denkt an die Combine Paintings eines Robert Rauschenberg oder an die reliefhaften Oberflächen eines Antoni Tàpies. Zugleich reicht sein Bilddenken weit zurück: Bereits die Landschaften des 17. Jahrhunderts, etwa bei Jacob van Ruisdael, waren emotionale Verdichtungen von Atmosphäre und Existenz.
Lamoller führt diese Tradition fort – jedoch unter den Bedingungen einer Gegenwart, in der Landschaft unwiderruflich verändert ist. Seine Werke sind Seismogramme einer Welt im Wandel.
Figur, Atelier, Resonanzraum
In seinen Porträts zeigt Lamoller Künstlerinnen und Künstler in ihren Studioatmosphären – Räume der Konzentration, des Rückzugs, der ästhetischen Verdichtung. Die Figuren erscheinen nicht isoliert, sondern als leise Präsenz innerhalb der Szenerie – wie zeitgenössische Resonanzfiguren einer berührten Landschaft.
So entsteht ein poetischer Bildraum, in dem Werk, Architektur, Figur und Natur ineinandergreifen. Die Landschaft wird nicht nur Schauplatz von Spuren, sondern Raum des In-der-Welt-Seins.
Contemporary Nature – ein berührtes Paradies
Mit der Werkgruppe Contemporary Nature öffnet sich eine zweite Ebene. Auch hier bleibt die Fotografie Ausgangspunkt, doch die Natur erscheint traumhaft übersteigert, fragil und zugleich intensiv gegenwärtig.
Contemporary Nature 10 (Eden I) (2025) erinnert an das Motiv des Paradiesgartens – ein Arkadien unter Vorbehalt, ein berührtes Eden. In Contemporary Nature 11 (cherry blossom) (2025) wird die Blüte zum Zeichen einer Schönheit, die im Moment ihres Leuchtens bereits Vergänglichkeit enthält.
Natur und Zivilisation erscheinen hier nicht mehr als Gegensätze, sondern als ineinander geschichtete Realität. Vegetation, Architektur und technologische Marker bilden eine gemeinsame Gegenwart – alles ist berührt.
Eine doppelte Bedeutung
„Die berührte Natur“ fasst eine doppelte Erfahrung zusammen: Natur ist berührt – durch den Menschen, durch Zeit, durch Geschichte. Und sie ist berührend – weil Lamoller sie nicht als abgeschlossenes Bild zeigt, sondern als fragile Oberfläche des Wandels.
In der komplexen Poesie seiner Überlagerungen entsteht eine stille Eindringlichkeit. Lamoller öffnet den Blick auf eine Welt, die sich unaufhörlich neu schreibt – nicht als endgültige Landschaft, sondern als fortwährende Metamorphose. Oberfläche, Raum, Natur und Zeit bleiben im Fluss.
Und wir selbst sind Teil dieser Berührung.
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Information
Vernissage, 28. Februar 2026, 17 Uhr
Mit Künstlergespräch, der Künstler ist anwesend