Christine Jackob-Marks
Biografie
Christine Jackob-Marks gehört zu den prägenden Stimmen der Berliner Kunstszene der letzten Jahrzehnte. Seit den 1980er Jahren hat sie ein malerisches Werk geschaffen, das zwischen innerer Erfahrung und äußerer Welt vermittelt – zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Energie. Ihre Malerei ist dabei stets mehr als ein visuelles Ereignis: Sie ist ein Prozess des Erkundens, ein Dialog zwischen Hand, Farbe und Bewusstsein.
Bereits in den frühen Jahren, nach ihrem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin und einer Phase intensiver Auseinandersetzung mit der figurativen Malerei, entwickelt Jackob-Marks ein zunehmend autonomes Verständnis des Bildes. In den 1980er Jahren entstehen expressive, stark farbige Arbeiten, in denen sich die Erfahrung von Natur, Mythos und existenzieller Fragilität überlagern. In dieser Zeit tritt sie auch als gesellschaftlich engagierte Künstlerin hervor: 1994 gewinnt sie gemeinsam mit einem Team den ersten Preis im Wettbewerb für das Denkmal der ermordeten Juden Europas in Berlin – ein Entwurf, der wegen politischer Entscheidungen nicht realisiert, aber bis heute als Meilenstein künstlerischer Erinnerungskultur gilt. Diese Erfahrung prägt ihr Selbstverständnis tief: Kunst als Ort des Erinnerns, aber auch des Lebendigen, als Gegenkraft zum Vergessen.
Ab den 2000er Jahren vollzieht sich in ihrem Werk eine allmähliche Wendung vom Figurativen hin zur gegenstandslosen, gestischen Malerei. Jackob-Marks löst die Form zunehmend auf, um innere Zustände, energetische Schwingungen und Lichtverhältnisse zu erfassen. Ihre Leinwände werden zu Resonanzräumen des Bewusstseins. Farbe wird nicht mehr gesetzt, um etwas zu zeigen, sondern um etwas erfahrbar zu machen. Diese Entwicklung kulminiert ab etwa 2010 in jenen großformatigen, vielschichtigen Arbeiten, die den Ausgangspunkt der aktuellen Ausstellung bilden.
Die Gemälde „Universum (I)“ und „Universum (II)“ (2013) markieren den Beginn einer neuen Phase. In ihnen richtet sich der Blick nach innen – in einen Kosmos, der nicht astronomisch, sondern seelisch ist. Aus Schichten, Lasuren und Spuren formt sich ein vibrierendes Geflecht aus Farbe und Bewegung. Hier offenbart sich das Prinzip, das für ihr gesamtes Spätwerk zentral bleibt: Malerei als fortwährender Prozess, als Suchbewegung zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem.
Die darauf folgenden Jahre führen diesen Ansatz in variierenden Tonlagen fort. In den Arbeiten um 2020 – etwa in den Serien der „ohne Titel“-Gemälde – gewinnt das Materielle an Gewicht. Jackob-Marks experimentiert mit Verdichtung und Auflösung, mit Übermalung und Rücknahme, mit dem Rhythmus von Fläche und Tiefe. Ihre Bilder sind von einem stillen Atem durchzogen; sie wirken wie Momentaufnahmen einer inneren Bewegung.
Einen Wendepunkt markieren die Werke „Priele“ und „Eiszeit (I)“ (beide 2023). Hier begegnet uns eine erdverbundenere, kontemplative Bildsprache. Farbe und Struktur werden ruhiger, sedimentierter. In Priele verschmelzen Wasser und Erde zu einer vibrierenden, horizontalen Fläche, in der die Zeit selbst zu fließen scheint. Eiszeit (I) dagegen führt die Bewegung in eine fast erstarrte Ruhe – als ob die Malerin den Moment des Schweigens sichtbar machen wollte. Diese Arbeiten zeigen eine späte Verdichtung ihres Ausdrucks: Bewegung verlangsamt sich zur Meditation.
Mit den Bildern „Nachtgeflüster“, „Nachtwanderung“ und „Hurrikan“ aus dem Jahr 2024 öffnet Jackob-Marks erneut einen inneren Raum. Die Farben werden dunkler, die Energie verdichtet sich. Das Licht scheint nicht mehr von außen zu kommen, sondern aus dem Inneren der Leinwand zu leuchten. Besonders Hurrikan verbindet Auflösung und Ordnung in einer spiralförmigen Bewegung – ein Sinnbild für das Leben selbst, das Chaos umarmt und zugleich formt.
Die jüngsten Arbeiten von 2025 – zarte, fast zeichnerische Gemälde und Tuschearbeiten auf Papier – wirken wie die Essenz dieses langen Weges. Die Linie tritt hervor, die Farbigkeit wird reduziert, das Licht sublim. Hier wird das Atmen selbst zum Motiv: das Kommen und Gehen der Form, das Schweben zwischen Sichtbarkeit und Auflösung. Der Kosmos ist nun kein Raum äußerer Kräfte mehr, sondern ein inneres Leuchten, ein Bewusstsein von Balance und Verbundenheit.
Über vier Jahrzehnte hinweg hat Christine Jackob-Marks ein Werk geschaffen, das die Grenzen zwischen Natur, Erinnerung und Empfindung auflöst. Ihre Malerei ist getragen von einer tiefen Kenntnis des Flüchtigen – vom Vertrauen darauf, dass Form aus Bewegung entsteht und Bedeutung aus Erfahrung. In einer Zeit, die von Geschwindigkeit und Oberflächen geprägt ist, führt sie uns zurück zum Kern des Sehens: zum stillen, atmenden Erkennen des Lebendigen.
Der Kosmos, den Christine Jackob-Marks sichtbar macht, ist kein ferner Sternenraum, sondern die Welt in uns – wandelbar, verletzlich und doch unendlich.
In den Bildern von Christine Jackob-Marks entdecken wir die Schönheit des Lichts in seiner Vielfalt und in seiner Intensität. Es sind Bilder, die unser Sehvermögen anregen und erweitern können.
Museums- und Einzelausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellung
2025 Samuelis Baumgarte Galerie, Bielefeld
2025 Kunsthaus sans titre, Potsdam: Kosmos
2024 Galerie Hilde Leiss, Hamburg: Temporäre Landschaftseindrücke
2023 Galerie feinart, Berlin: Soil
2021 Galerie Mutare, Berlin: Christine Jackob-Marks
2021 Werkbund, Berlin: Alles ist im Fluss (II)
2020 Gallery Kewenig, Palma de Mallorca (Spanien): In der Schwere leicht
2018 DNA Galerie, Berlin: Happy Birthday
2016 DNA Galerie: Werkschau
2014 Galerie im Körnerpark: Es werde Licht!
2012 Galerie im Körnerpark: Landschaftsansichten
2012 Galerie Cornelissen, Wiesbaden: Augenblicke
2010 Galerie im Körnerpark: Tiere
2009 Galerie Eva Poll, Berlin: Tiere
2008 Galerie Bauscher, Potsdam: Malerei - Zeichnungen
2008 First Sound Galery (798 district) (mit Dieter Finke), Peking (China)
2006 Arte plus Arte, Casa Colonial, Ibiza (Spanien)
2005 Art Academy Galerie Döbele, Dresden: Strukturen, Zerwürfnisse und Muster
2004 Unternehmenszentrale der Wall AG, Berlin: Alles im Fluss (I)
2004 Galerie im Medienhaus GIMM, Mainz
2002 Galerie Rose, Hamburg: Sommer 2002
2001 Samuelis Baumgarte Galerie, Bielefeld
2000 Galerie Poll Galerie, Berlin: Erdwandlungen
1999 SESA AG in Zusammenarbeit mit Galerie Eva Poll, Berlin
1999 Galerie Bauscher, Potsdam: Zwischen Himmel und Erde
1998 Galerie Libro Azul, Art Ibiza Messe, Ibiza (Spanien)
1996 Samuelis Baumgarte Galerie, Bielefeld: Bilder und Zeichnungen
1996 ZDF Mainz
1996 Galerie Bauscher, Potsdam: Landschaft und Visionen
1995 Garten-Park-Landschaft, Berlin
1995 Galerie Mutter Fourage
1995 Galerie Rose, Hamburg
1995 Galerie Poll, Berlin
1994 Galerie Art & Concept, München
1993 Galerie Rose, Hamburg
1991 Galerie Rose, Hamburg (mit Reinhard Stangl)
1991 Kunstverein Schering, Berlin
1988 Centre Artistique International, St. Etienne (Frankreich)
1988 Galerie am Savignyplatz, Berlin
Gruppenausstellung
2024 Galerie Stangl und Freunde, Berlin: Der Schöne 27. April
2024 Undercover Showroom, Galerie Mutare, Berlin
2021 Salongalerie Die Möwe, Berlin: Klassisch Modern. Historische und zeitgenössische Werke von Künstlerinnen
2015–2018 DNA Galerie, Berlin
2015 Galerie Cornelissen, Wiesbaden
2012 Art Academy, Zürich Erlenbach
2009 Hoher Dom zu Mainz, Kunstverein Eisenturm, Mainz
2005 Bilderleben Katholisches Stadthaus, Wuppertal
2003 15 Jahre Galerie Bauscher, Potsdam
2001 Galerie Bauscher, Potsdam: Erde Feuer Wasser Luft
1995–1997 Art Cologne Galerie Eva Poll, Berlin
1995 Kunstauktion für Otto Dix, Neue Nationalgalerie, Berlin
1989 Galerie Rose, Hamburg
1987–1991 Freie Berliner Kunstausstellung