So bleibt Berlin der eigentliche Protagonist: Metropole der Beschleunigung, gesellschaftliche Bühne, Hauptstadt politischer Macht, Ruinenlandschaft, geteilte Frontstadt, Erinnerungsraum und schließlich wiedervereinigte, international geprägte Gegenwart. Die Kunst illustriert diese Geschichte nicht. Sie macht sichtbar, wie Geschichte erfahren wird – in Körpern und Straßen, in Innenräumen und Fassaden, in Farbe, Material, Zeichen und Erinnerung. ERNST LUDWIG KIRCHNER Der Rhythmus der Metropole – Berlin als Ursprung einer neuen Moderne Als Ernst Ludwig Kirchner 1911 gemeinsam mit Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff nach Berlin übersiedelte, traf er auf eine Stadt von ungeheurer Dynamik. Elektrisches Licht veränderte die Nächte, Straßenbahnen und Automobile beschleunigten den Verkehr, Kaufhäuser, Theater, Varietés und Cafés schufen neue urbane Erlebnisräume. Berlin war nicht nur größer als Dresden, aus dem die „Brücke“- Künstler kamen; die Metropole konfrontierte sie auch mit einer gesellschaftlichen und visuellen Dichte, die ihre Wahrnehmung grundlegend veränderte. Kirchners Berliner Werk setzt jedoch nicht erst auf den Boulevards ein. „Müggelsee (Segelboote)“ (um 1910) (S. 35), „Spaziergänger am Müggelsee“ (1912) (S. 34) und „Badende und Boote am Müggelsee bei Berlin“ (1912) (S. 36) zeigen zunächst eine andere Seite der rasch expandierenden Großstadt. Der Müggelsee wird zum Gegenraum urbaner Verdichtung und zugleich zum Bestandteil einer modernen Freizeitkultur. Segelboote, Spaziergänger und Badende erscheinen nicht in einer idyllischen Natur außerhalb der Stadt; vielmehr wird Natur selbst Teil des großstädtischen Lebens. Die lockere Linie und die lichte Farbigkeit vermitteln weniger topographische Genauigkeit als die unmittelbare Wahrnehmung eines flüchtigen Augenblicks. Mit der „Straße am Stadtpark Schöneberg; Innsbrucker Straße“ (1912) (S. 26) rückt die gebaute Stadt ins Zentrum. Kirchner hält kein repräsentatives Berlin fest. Ihn interessiert jene Alltagsarchitektur, in der Straße, Häuserfronten und Bewegung zu einer neuen urbanen Ordnung zusammentreten. „Mädchen mit Hut (Gerda)“ (S. 31) und „Paar im Gespräch, Erna und Gewecke“, beide um 1912 (S. 30), entstanden, führen zugleich in sein privates Berliner Umfeld. Ateliergemeinschaft, Freundschaft, Körperstudium und Großstadterfahrung durchdringen sich; der Künstler beobachtet nicht aus sicherer Distanz, sondern befindet sich mitten in jener Welt, die er darstellt. In „Divan (Orientalische Szene)“ (um 1913) (S. 37) und „Vampir ‚Die Rache der Tänzerin“ (1913) (S. 27) tritt die Berliner Welt des Theaters, Varietés und der erotischen Inszenierung hervor. Der Körper wird zur Bühne; Exotik, Tanz und Maskerade spiegeln eine Metropole, in der traditionelle gesellschaftliche Rollen ebenso sichtbar werden wie neue Möglichkeiten ihrer Überschreitung. Eine besondere Schlüsselstellung besitzt die Radierung „Sich anbietende Kokotte“ (1914) (S. 29). Kaum eine Figur verkörpert Kirchners Berlin eindringlicher als die Kokotte. Modisch gekleidet, präsent und zugleich gesellschaftlich marginalisiert, erscheint sie als ambivalente Gestalt der Großstadtmoderne. Ihre exponierte Haltung, die zugespitzte Linie und der nervöse Rhythmus verwandeln den weiblichen Körper in eine Chiffre urbaner Existenz. Berlin zeigt sich hier als Raum von Freiheit und Warenförmigkeit, Selbstinszenierung und Einsamkeit. Kirchners Figuren begegnen einander und bleiben doch isoliert; sie teilen denselben Raum und scheinen dennoch psychologisch voneinander getrennt. Gerade diese Doppelbödigkeit macht seine Großstadtbilder zu mehr als Dokumenten einer Epoche. Sie formulieren eine neue Erfahrung des modernen Menschen. Bemerkenswert ist, wie nachhaltig diese Berliner Erfahrung in Kirchners Davoser Jahren fortwirkt. „Passantengruppe“ (S. 23), „Straßenszene“ (S. 22) und die Lithographie „Straße“, sämtlich 1926 (S. 28), entstanden, greifen das urbane Figurenrepertoire erneut auf. Die Großstadt ist längst verlassen, bleibt jedoch als inneres Bild gegenwärtig. Die flüchtige Linie der frühen Straßenszenen verwandelt sich nun in eine stärker erinnerte, beinahe abstrahierte Vorstellung urbanen Lebens. 6 | 7