In vielen seiner Leinwände und Papierarbeiten tritt die Struktur oder das Raster an die Stel- le einer Komposition. In diesen Bildern sind Farbe und Licht Verbündete. Ein unregelmäßig geriffelter Auftrag kräftiger, leuchtender Farbe ohne Bindung an eine starre Form oder dar- stellende Funktion und ohne Begrenzung durch allzu feste Konturen befreit sie optisch von ihrer faktischen Bindung an die Leinwand. Sie strahlt. An vielen Stellen schimmert der weiße Bildgrund durch und bewirkt lichterfüllte Leichtigkeit und dynamische Bewegung der Licht- und Farbenergien. Seine seit 1991 entstandenen Gemälde bezeichnet der Künstler als „Chromatische Konstel- lation“. Dieser Begriff erklärt sich aus dem musikalischen Begriff der Chromatik 3, in dem die Farbe (= altgriechisch Chrṓō´ma) sprachlich enthalten ist. Der als Pianist geschulte Heinz Mack setzt die musikalische Chromatik in der Malerei als rhythmische Abfolge abgestufter Farb- töne um. Macks Chromatische Konstellationen repräsentieren das Farbspektrum des Lichtes in seinem Gesamtverlauf oder auch nur in Teilbereichen wie etwa in dem Werk Vibrierende Farbfelder aus dem Jahr 1991. (S. 36/37) Macks Farben offenbaren sich somit als Eigenschaften des Lichtes, das sich farbig bricht. Auch im Strahlen seiner farblosen schwarzen Bilder wie der ausdrucksstarken Dynamischen Struktur aus dem Jahr 1957 (S. 8/9) und weiteren frühen Werken dieser Ausstellung ist die Farbe wie in einem ungebrochenen Prisma stets unsichtbar enthalten. Macks Farbauftrag ist offen, durchsichtig und bewegt, die Dichte der Pigmente variiert und vibriert, so dass die Luft vor seinen farbigen Leinwänden zu flimmern scheint. Sicher spielt es eine Rolle, dass der Künstler längere Zeit des Jahres über in Ibiza lebt, so dass seine Bilder Licht, Sonne, Energie und Wärme der Insel vermitteln. Stille Vibration (S.14/15) entstammt den Jahren von ZERO, der Künstlergruppe, deren Mit- begründer Heinz Mack im Jahr 1958 gewesen ist und die bis zu ihrer Ausflösung gegen Ende der 1960er Jahre zur internationalen Bewegung wurde. Diese Zeit war prägend und wegwei- send für den Künstler, der sich seither mit den Themen Licht und Energie, Bewegung und Rhythmus, Natur und Raum beschäftigt. In allen Gattungen seines Œuvres sind sie Anlass für Werkschöpfungen, die Licht gestalten und Energie ausstrahlen, Bewegung implizieren und Rhythmus erzeugen und sich mit Natur und Raum auseinandersetzen. Dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass den Werken von Heinz Mack immer auch eine große und erstaunliche Schönheit innewohnt, die den Betrachter fasziniert und die dem Künstler stets ein besonderes Anliegen ist: „Was Kunst, was das Schöne ist, weiß ich nicht mehr, weiß keiner mehr. Wer glaubt es zu wissen? Vielleicht ist es ein Licht, das einen dunklen Raum erhellt?! Vielleicht ist das Schöne gar nicht tot, sondern nur scheintot?! Wenn das so wäre, werde ich auch weiterhin darauf achten, dass dieses Licht nicht ausgeht.“ 4 Eva Müller-Remmert 1 Dieter Honisch: „Eine eingelöste Vision“, in: Wieland Schmied (Hg.), Utopie und Wirklichkeit im Werk von Heinz Mack. Köln 1998, S. 248. 2 zitiert nach: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Ahlen, Mack - Lichtkunst, hg, von Burkhard Leismann, Köln 1994, S. 7. 3 Der Begriff Chromatik ist aus der Musik abgeleitet und bedeutet das Einfügen von Halbtönen zwischen die Ganztonschritte der siebenstufigen diatonischen Skala, so dass eine Folge von 12 Halbtonschritten (c-cis-d-dis-e-f-fis-g-gis-a-ais-h) entsteht. 4 Heinz Mack: „Das Schöne ist nicht tot, sondern nur scheintot“, Festvortrag anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Dortmunder Kunstvereins im Dezmeber 1994, zitiert nach: Ausst.-Kat. MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg, „MACK. Apollo in meinem Atelier“, hg. von Eva Müller-Remmert und Walter Smerling, Köln 2015, S. 94-103. 5